Dozieren über Herzensangelegenheiten | Übermedien

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Wer ein Magazin macht, muss ein paar Dinge voraussetzen: Dass es irgendwo Menschen gibt, die gerne lesen. Die sich für das Thema des Heftes interessieren. Aber vor allem das: zu erwarten, dass ein Leser in irgendeiner Form bereit ist, eine Transferleistung zu erbringen. Denn jemandem eine Seite hinzulegen, auf der Bilder und Texte miteinander in Bezug stehen und eine Geschichte erzählen, löst erst einmal Fragen aus: Was ist das? Was bedeutet das?

Man kann das mit jedem Thema machen, von „Wölbt sich auf diesem Bild von Prinzessin Blabla ein Babybauch?“ bis zu „Ist diese Welt nicht ungerecht und grausam?“ oder „Wer bin ich?“ Also von voyeuristischer Teilnahme an fremden Leben bis zu existenziellen Fragen des eigenen, manchmal sogar alles gleichzeitig. Was nie gelingt: jemandem die Welt zu erklären, der nicht mit eigener Leistung folgen will oder kann.

Kurz: Es gibt nichts Schöneres als den eigenen glasklar geführten Gedanken oder das eigene intensive Gefühl, und nichts Schwierigeres, als jemandem zu folgen, der doziert. Deshalb arbeiten alle guten Erzähler mit einer zweiten Ebene. Sie erzählen eine konkrete Geschichte, anhand der die Empfänger eigene Gedanken und Empfindungen entwickeln.

Leider ist das nicht die Art, wie man als Erzähler anfängt. Manche kommen nie dort an. Als junger Schreiber zum Beispiel will man sich alle Gedanken selbst machen und sie so kristallklar formulieren, dass ein Leser nicht anders kann, als dem exakten Gedanken zu folgen – und danach voller Bewunderung für die Brillanz des Gegenübers bekehrt zu sein. Man kann junge Autoren zur Verzweiflung treiben, indem man sich das Recht nimmt, ihre Texte so zu verstehen, wie man will, und dabei möglicherweise auch noch feinste Nuancen zu übersehen.

Journalisten sind alle Mimosen. Es ist ein Spaß.

Auftritt „Kater Demos – Das utopische Politikmagazin“. Der Untertitel sagt es schon: Ein junges Heft von guten Menschen, die sich in der ebenfalls jungen Tradition des „Constructive Journalism“ sehen, also eines Journalismus, der nicht nur Missstände beschreiben, sondern auch Lösungen anbieten will. Und es ist eine uneingeschränkte Freude, dass es „Kater Demos“ gibt: ein liebevoll mit spürbarem Herzblut gestaltetes Heft, bei dem von 130 Seiten mangels Werbung 130 Seiten vollgepackt sind mit Herzensangelegenheiten, Ideen und Gedanken zur Welt. Allerdings ist für mich die größte Freude, dass ich hier Menschen beim Denken zusehen kann, und ich glaube, ich mag ein paar Sachen, die so gar nicht beabsichtigt waren.

Ein utopisches Politikmagazin sanfter, guter Menschen ist schon in seiner Grundanlage „preaching to the choir“, ein Blasenmagazin. Daran ist erst einmal nichts falsch. Natürlich sind hier menschenfreundliche, sich zumindest links fühlende, weltoffene Geister am Werk, und wahrscheinlich wird nie jemand, der grundsätzlich anders politisch verortet ist, die 11,90 Euro ausgeben, um von dem Heft einmal seine Überzeugungen durchschütteln zu lassen oder sich sanft zu ekeln.

Es ist auch keine echte Provokation für die eigene Klientel im Heft, insofern bleibt als Grundlage für die Existenz des Heftkonzeptes nur das wärmende Gefühl des Lagerfeuers, um das man sich versammelt, um sich zu versichern, wie richtig man liegt, und die fortlaufende Ausstattung mit Argumenten, um die eigenen Positionen weiter zu festigen und auszubauen.

Nochmal, das ist keine Kritik, sondern nur eine Feststellung. Magazine sind keine Kunstwerke, sondern durch Kunsthandwerk hergestellte Informations-Produkte, sie brauchen einen Grund zur E…

Übermedien

Michalis Pantelouris

Quelle

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